Housing

Endzeit

Die Entscheidung steht, der Verlängerungsantrag liegt mit einem "NEIN" in der Heimleitung. Ab nächstem Semester werde ich ein Heimbewohner gewesen sein.

Ausnahmsweise hat das jetzt einmal nichts mit meinen derzeit vermehrt aufkommenden Lebenswandel-Gesinnungen zu tun, sondern ist ursprünglich von der Außenwelt bedingt. Angefangen damit haben die Eltern, welche nach Durchsicht ihrer Kontoauszüge festgestellt haben, dass meine Heim-Miete gar nicht ganz so billig ist. Wenn auch billiger als sonst irgendeine Wohnung, aber so wie wir mit Wohnungen in Wien versorgt sind, ist alles über 0 Euro Luxus und nicht zwingend notwendig.

Achja, Wohnungen, da hatte ich ja in einem Blogeintrag einmal angekündigt, dass ich ein andermal darüber was schreiben will. Na gut, dann ist jetzt also ein andermal.

Was die meisten eh schon wissen ist, dass wir (also, eigentlich die Eltern, aber derzeit auch für uns Söhne verfügbar) in Wien 17 eine Eigentumswohnung haben. Schöner Neubau, 45 Quadratmeter oder so, Garten - wäh, Gartenarbeit -, und was halt noch so zu einer typischen gemütlichen Kleinwohnung dazugehört. Bevor ich ins Heim gekommen bin, war ich eineinhalb Jahre in dieser Wohnung einquartiert, und ungefähr zeitgleich mit meinem Umzug kam der Felix nach Wien, um auch hier zu studieren. Der hat dann die Wohnung übernommen und pflegt sie recht gewissenhaft, wenn er nicht grad in Argentinien auf Auslandssemester herumgurkt. Seitdem bin ich glücklicher Heimbewohner.

Vor nicht allzu langer Zeit sind dann unsere Eltern auf die glänzende Idee gekommen, dass mindestens einer von uns vielleicht doch nicht auf die Dauer in der komfortablen, jedoch platzmäßig beschränkten Wohnung wohnen wollen wird, weshalb es ihnen als gute Idee erschien, mit einer zweiten, größeren Wohnung für unsere Zukunft vorzusorgen. Insbesondere, weil ein hochrangig-häuslbauender Verwandter von uns gerade ein Neubauprojekt (11. Bezirk, Sedlitzkygasse) in Angriff nahm, und sich durch die frühe Information eine kurzfristige Gelegenheit für eine leistbare Genossenschaftswohnung ergab.

Genossenschaftswohnungen: das sind die, wo man 10 Jahre oder was Miete zahlt und danach die Möglichkeit hat, die Wohnung um einen, äh, Spottpreis zu kaufen und danach als Eigentumswohnung weiterzuführen. Dafür braucht man allerdings jemanden, der wohnbauförderungswürdig ist und überdies seinen Hauptwohnsitz in Wien hat. Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Wiener bin und im Besonderen auch keiner sein will. Sprich, ich lasse mich von der Irrationalität leiten und verweigere ein "W" auf meiner Nummerntafel, obwohl ich damit billige Semestertickets bekäme und die Wohnung auf mich schreiben könnte. Dem Felix ist das Ganze nicht so wichtig, also wird er die neue Wohnung im Endeffekt kriegen.

Fürs erste bleibt er allerdings in der kleinen Wohnung, weil die nämlich so schön nahe an seiner FH liegt, und ein Umzug in die andere Wohnung ca. eineinhalb Stunden täglich an Hin- und Rückfahrtszeit kosten würde. Stellt sich also die Frage, was mit der neuen großen schönen Wohnung passieren wird, wenn der Felix diese für mindestens zwei Jahre nicht aktiv bewohnt. Bingo? Genau.

Ich konnte mir folglich aussuchen, ob ich noch ein Jahr im Heim bleibe (länger war von vornherein nicht geplant) und dann in die Wohnung geh, oder ob ich den Sprung ins kalte Wasser schon vorher wage. Dazu muss gesagt werden, dass ich sehr am Heim hänge, weil es mir den sozialen Halt gibt, den ich vorher aufs schwerste vermisst hatte. My home is my kitchen, sozusagen. Aus dem Heim ausziehen heißt für mich also nicht unbedingt, aus einem 15qm-Zimmer in eine 90qm-Wohnung umzuziehen, sondern vor allem dass mir die Möglichkeit zum spontanen Zusammensitzen, spontanen Känguruh-Biertrinken, oder sonstigen spontanen Gemeinschafts-Aktivitäten abhanden kommt. Den weisen Worten meines Altehrwürdigen zufolge gab mir das Heim die Möglichkeit, passiv, also ohne Eigeninitiative, zu einem erfüllenden Sozialleben zu kommen.

Mit der aktiven Form habe ich mich immer sehr schwer getan, auch wenn's mir selber enorm wichtig ist. Insofern war die Entscheidung für oder gegen's Ausziehen besonders schwer. Ich hab mich dann nach langen Überlegungen für die Wohnung entschieden, aus zwei Gründen:

  • erstens! Weil ich früher oder später sowieso weg muss, und es nur eine Frage der Zeit ist, und
  • zweitens! Weil schon ein Gutteil der Leute, die mir wichtig sind, entweder demnächst oder nicht viel später ebenfalls aus dem Heim ausziehen.

Die endgültige Überlegung war dann, dass ich nicht überrumpelt werden will. Dass das Heim nicht trostlos und leer werden soll, während ich noch da bin. Das Heim ist toll, ist mir wichtig, und ich will es so in Erinnerung behalten. Die Schonfrist ist vorbei. Der Versuch, aus der sozialen Isolation mithilfe eines wunderbar geeigneten Hilfsmittels auszubrechen, ist vorbei. Jetzt liegt es an mir, vom passiven in den aktiven Modus zu schalten, und es nicht so weit kommen zu lassen, wie es schon mal der Fall war. Liegt an mir. Bemüh dich, Jakob.

Entfremdung

Die Osterferien haben also offiziell angefangen, und wie man im letzen Blog-Eintrag unschwer erkennen konnte, bin ich soweit ganz zufrieden mit dem, was ich so zusammengebracht hab.

Die letzte Zeit im Heim vor der Abreise, also Freitag Abend und Samstag Früh, hat mir eher nicht zugesagt. In der (direkt vor meiner Zimmertür befindlichen) Heimküche war ein lautstärkemäßig deutlich vernehmbares Festl im Gange, und das war mir durchaus sehr unangenehm. Mit Rock- und Punkmusik im Dauerlauf, mit diversen Leuten, die manchmal vor die Küchentür gegangen sind, um sich weniger nette Dinge zu sagen, und vor allem mit einem Haufen Leute, die nicht oder nur ziemlich indirekt zur Stockgemeinschaft gehören.

Fast möchte ich sagen, es war das erste Mal, wo ich mich nicht in die Küche getraut hab: das war nicht die Gesellschaft, in die ich mich die ganzen Jahre eingelebt hatte. Das war nicht mein Stock. Mein Stock genießt mit Stil. Mein Stock feiert durchaus die Nacht durch, aber in der Früh ist die Küche wieder still und friedlich, wenn auch manchmal verwüstet. Parties gehören in die Nacht, und etwaige von außerhalb kommende Besucher sollen entweder wieder dort sein, von wo sie kamen, oder den Brachialmodus vom Vorabend nach dem Aufstehen wieder ablegen.

Fehlanzeige. Die Werbegeschenk-Müsliriegel, die ich vor meiner zweiwöchigen Ferienreise noch der Stockgemeinschaft spendieren wollte und vor die Küchentür gelegt hatte, weil ich selbige nicht betreten wollte, waren ein paar Minuten später an den hinteren Rand des Gangs gekickt. Samstag, 11:00, mit Verlaub. In meinen vor die Zimmertür gestellten Plastikmüllkübel wird rücksichtslos eine Kartonpackung hineingestopft. Und das Gegröhle und die laut aufgedrehte Musik geht bis halb eins ohne absehbares Ende weiter. Kurz, das alles hat mich so angeekelt bzw. verschreckt, dass ich das Heim ohne Frühstück verlassen hab.

Nicht, dass ich nicht ein paar Stimmen eh gekannt hätte, die mir sonst auch untertags in der Küche unterkommen. Aber die Wandlung vom zivilisierten heiteren Beisammensein zur rücksichtslosen Rowdytruppe hat mich arg mitgenommen. Mit Sicherheit ärger als den Didi, der beim Heimkommen von seinem (Real-)Rollenspiel-Wochenende eine ziemlich verwüstete Küche vorgefunden hat.

Das Heim ändert sich. Die Stockgemeinschaft ist dabei, sich in zwei Gruppen zu teilen, und ein guter Teil der Leute, die das Heim für mich ausmachen, sind kurz vorm Fertigwerden.

Die Zeiten, in denen ich am Heim und seinen Bewohnern hänge, neigen sich dem Ende zu, wie auch das Ende meines eigenen Studiums in nicht mehr allzu weiter Ferne liegt. Zeit, nach einem Plan B Ausschau zu halten.

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