Reuters weiß also, dass das offizielle Abstimmungsergebnis morgen bekanntgegeben wird (Link). News.com meint zu wissen, dass die zweite Abstimmung für Microsofts neue Office-Formate mit Namen OOXML ("Office Open XML") durchgegangen ist (Link). Mackenzie Morgan von Planet Debian hofft, dass es ein Aprilscherz ist (Link), meiner Meinung nach ist da allerdings nicht viel zu hoffen. Craig A. Eddy vom gleichen Planet Debian probiert sich, angenehm schmutzkübelfrei, mit einer Definition von "Was ist ein Standard" und warum OOXML keiner ist (Link). Die norwegische Standardorganisation Standard Norge legt Berufung gegen ihre eigene Stimmabgabe ein, weil 80% ihrer Mitglieder gar nicht dafür gestimmt hätten (Link), und in England wird's auch Einspruch geben (Link).
Microsoft wird wahrscheinlich auch nach den Berufungen knapp, aber doch die Abstimmung gewonnen haben. Wie auch immer die Geschichte ausgehen wird, ein paar Fakten sind wohl fix:
- Mit genügend Geld kann man sogar die ISO, die weltweit oberste Standardisierungs-Organisation, bestechen - beziehungsweise die nationalen Gremien, aus denen sich eine ISO-Abstimmung zusammensetzt. Ich find das immer noch arg, dass gegen einen geringfügigen Mitgliedsbeitrag jede x-beliebige Firma den Standardisierungs-Gremien beitreten kann, um dann bei einer "wichtigen" Abstimmung für OOXML als internationaler Standard zu stimmen und in der Folge aber weitere ("unwichtigere") Standards mangels Interesse und mittels Fernbleiben von Diskussionen und Abstimmungen zu blockieren.
- Im Ballot Resolution Meeting sollte die Masse der von den Ländern beanstandeten Problemen (an die 1000, wenn ich mich recht erinnere) in OOXML lösen. Das wurde jedoch resignierend abgebrochen, weil es einfach zu viel Zeugs für eine Woche zum Durchnehmen war. (Zum Vergleich, OpenDocument hatte um die 3 Probleme, die bei dessen Ballot Resolution Meeting behandelt wurden.) Das hat die Länder nicht davon abgehalten, für OOXML als internationalen Standard zu stimmen.
- Microsoft benutzt das Format nicht einmal selber in Office (selbst Office 2007 basiert auf einer frühen Vorversion), und will sich auch nicht festlegen, dass das überhaupt ein Ziel für sie ist. Sollte der Standard sich in eine andere Richtung entwickeln als die von Microsoft gewünschte (weil er ja jetzt ein Standard ist und andere Firmen auch mitsprechen könnten), hat Microsoft angekündigt, im Zweifelsfall lieber ihre eigenen Formatänderungen zu verwenden als sich an den offiziellen Standard zu halten. Und außer MS Office gibt's weit und breit keine annähernd komplette Umsetzung von OOXML. Beides hat die Länder nicht davon abgehalten, für OOXML als internationalen Standard zu stimmen.
- Und dass Microsoft lieber den existierenden ISO-Standard OpenDocument verbessern hätte sollen (nach dem ISO-Leitspruch "One standard, one test – accepted everywhere", also nur ein Standard für einen gegebenen Zweck), anstatt ihm Konkurrenz zu machen, hat die Länder sowieso nicht abgehalten, für OOXML als internationalen Standard zu stimmen.
So wie's ausschaut, hat die ISO also zunächst mal ihren guten Ruf als vertrauenswürdige, unabhängige Instanz verloren, und muss in den nächsten Tagen mit einem Haufen Kritik von allen Seiten rechnen.
Ob Regierungen jetzt wieder mehr auf Microsoft machen oder den Trend Richtung OpenDocument fortsetzen, wird abzuwarten sein. Einerseits ist der ISO-Stempel ein Gütesiegel für diverse staatliche Institutionen, andererseits hatten die auf OpenDocument umsteigenden Staaten vor allem eine größere Herstellerunabhängigkeit im Sinn, und die kann man sich mit OOXML natürlich in die Haare schmieren. Was von beiden mehr zählt, entscheidet sich dann von Fall zu Fall, zuzüglich massivem Lobbying (viel von der einen Seite, und noch viel mehr von der anderen).
Schauen wir mal.
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